FRAUENPOWER AUF DER KIWO

Wir trafen Anke Scheuermann zum Interview im Flagship Store in der Hamburger Hafencity. Die geborene Aachenerin ist seit 1984 leidenschaftliche Seglerin und führt seit knapp zwei Jahren als Store Managerin das Gaastra-Geschäft. Im Gespräch erzählt uns die 36-Jährige von der gegründeten Segelfrauen-Crew HOTQUITO, über die Ziele bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften im Rahmen der Kieler Woche 2016 und erklärt, warum Segeln ein männerdominierter Sport ist.

 

Wie kam zu diesem Projekt HOTQUITO und was steckt dahinter?

Ich bin ja schon ewig in der Szene drin und segle Regatta bereits, seitdem ich sechs Jahre alt bin. Angefangen mit dem Opti über 420er und 470er kamen dann irgendwann die größeren Bootsklassen bis 25 Fuß dazu. Am Ende bin ich dann bei einer X-99 gelandet.

Vor sechs Jahren habe ich die Entstehung der Tutima-Crew (Erste Frauen-Crew im Seesegeln) miterlebt. Über die Jahre haben wir uns immer mehr angefreundet, aber irgendwie hatte ich immer Lust auf was Eigenes. Letztes Jahr auf der Kieler Woche habe ich dann einen Investor gefunden. Er war total vom Volvo Ocean Race und dem Team SCA begeistert. Als Hauptsponsor und Initiator des Projekts, ist er bzw. seine Firma Namensgeber des Segel-Teams: HOTQUITO Sailing Team.

 

Seit 1984 bist du aktive Seglerin. Wie bist du dazu gekommen?

 Mit fünf Jahren habe ich selbst angefangen. Vorher bin ich als kleiner Stöpsel bei meinem Vater auf größeren Schiffen mitgefahren und hab sogar selbst  gesteuert. Obwohl ich in NRW aufgewachsen bin, fühlte ich mich dem Norden immer verbunden. Mit sechs Jahren habe ich meinen Jüngstenschein gemacht und bin oft an den Rursee zum Segeln gefahren. Segeln war auch als Jugendliche immer das, was ich machen wollte. Als Kind steigst du in den Opti ein und triffst dich von März bis Oktober entweder in Trainingslagern oder auf Regatten. In Gruppe A fährt man dann schon in Kiel auf der Ostsee oder sogar ins Ausland. Dann fängt die richtige Regattawertung an. Das war so mit 12 / 13 Jahren. Wenn man einmal Fuß gefasst und die ersten Erfolge eingefahren hat, will man nicht mehr aufhören und freut sich seine Gang jedes Wochenende wiederzusehen und gegen sie zu racen.

 

Du bist die Skipperin des Bootes. Was sind grob skizziert die Aufgaben einer Skipperin?

Meine Crew besteht aus zehn Personen an Bord, mich eingeschlossen. Da muss es immer einen geben, der den Überblick behält. Ich war von Anfang an die Initiatorin des Projektes und habe dann automatisch die Teamleitung übernommen. Ich mache das Crewmanagement und plane die optimale Besetzung an Bord, kümmere mich um die Events, Sponsoring, die Trainings und die unterschiedlichen Coaches, je nach Trainingsplan. Ich bin für das komplette Schiff verantwortlich und natürlich auch für die Sicherheit der Crew.  Wenn bei einem Manöver etwas passiert, dann bin ich die Erste, die Rede und Antwort stehen muss, falls Crew oder Material zu Schaden kommen.

 

Muss man mit dem Begriff „Amateurmannschaft“ manchmal kämpfen? Irgendwie ist dieser Ausdruck ja doch negativ behaftet, oder?

Eine Amateurmannschaft ist nichts, was in der Szene als negativ gilt – eine Profimannschaft ist etwas sehr Außergewöhnliches und beispielsweise eher bei den hochgradigen Mittelmeer-Events zu finden, wo in einer anderen Liga gesegelt wird, aber auch ganz andere Budgets dahinter stecken. Profimannschaften gibt es in Deutschland im ORC-Zirkel an der Nord- und Ostsee so gut wie keine. Bei der ISAF (International Sailing Federation) hast du als Regatta-Segler eine Einstufung und musst dich alle 24 Monate neu checken lassen. Hier muss man dann angeben, ob man in der Segel-Branche arbeitet, wodurch man besondere Skills und damit Vorteile erlangt, oder sogar mit dem Segeln Geld verdient. Wenn man „Pech“ hat, wird man zum Profi eingestuft und muss sich mit den Profimannschaften messen lassen. Wir fahren dieses Jahr bei der WM in Kopenhagen mit und da gibt es eine Amateur- und Profiwertung.

 

Ihr wohnt komplett verstreut in Deutschland (Heidelberg, Lüneburg, Flensburg, München, Hamburg, Kiel, Bremen). Wie schafft ihr es euch zum Trainieren zu treffen?

Du musst es wirklich wollen und Lust auf das Projekt haben! Für Regattasegler ist eine Stunde Autofahrt nichts. Das sind wir schon unser ganzes Leben lang gewohnt. Die zwei Mädels aus Heidelberg und München sind bei jedem Training dabei. Über den Hauptsponsor HOTQUITO haben wir ein Finanzierungskonzept für die Fahrtkosten, so dass es nicht so teuer wird. Wir haben eine Terminliste, die von jedem regelmäßig aktualisiert werden muss und danach planen wir die Trainings. Wir haben zwei Fokus-Segelwochenenden im Monat. An den Trainingswochenenden trainieren wir die Crew so, dass jede in der Lage ist, zwei Positionen an Bord zu fahren. Es kann immer mal eine Person ausfallen und dann muss die Crew vorbereitet sein.

 

Was war bisher euer größter Erfolg?

Ich finde es ganz spannend, dass jetzt schon ziemlich viel Aufsehen um uns herum gemacht wird, obwohl wir noch keine Regatta gesegelt sind. Es ist so schön zu sehen, dass die ganze Segelszene unser Projekt mit einer unglaublichen Euphorie aufnimmt und wir so gutes Feedback von allen Seiten bekommen. Wir haben es geschafft, uns zu finden, das Schiff zu optimieren, ein sponsorenfinanziertes Projekt von dieser Größe aufzubauen und dazu ein fantastisches Boot und eine herzliche Crew – allein das ist schon ein riesiger Erfolg!

 

Warum ist das Segeln so ein männerdominierter Sport und warum gibt es so wenige Damen-Teams?

Eigentlich unverständlich. Es gibt genug sportliche Mädels, die für den Wassersport brennen. Aus der Historie heraus ist Segeln ein Männersport und umso größer die Schiffe werden, desto weniger Frauen gibt es. Wenn man sich beispielsweise Videos von großen Regatten wie die auf Saint Barth anschaut, muss man lange suchen, bis man eine Frau an Bord findet. Und die ist dann meist Taktikerin oder macht Jobs an Bord, die nicht mit viel Kraft zu tun haben. Die Männer haben alle richtig Power auf den großen Schiffen – richtige Athleten an den Schoten und Grindern.

Physisch sind wir Frauen definitiv benachteiligt. Ab einer bestimmten Schiffsgröße sind Frauen nicht mehr stark genug. Auch bei der Bundesliga sind bisher extrem wenige Frauen dabei. Das ändert sich gerade aber zunehmend. Trotzdem gibt es auch Clubs in der Bundesliga, die ausschließlich Männer für den Liga-Kader nominieren. Auch bei kleineren Bootsklassen sind maximal ein Drittel Mädels. Das zieht sich durch alle Klassen durch. Profisegeln ist zu 95 Prozent Männerdomäne. Aber dafür können die Mädels in den meisten, kleineren Bootsklassen top mit den Männern mithalten. Dort kommt es ja auch sehr viel auf Trimm und Technik an und nicht nur auf die Kraft. Auch wir müssen alle fit sein an Bord bezüglich Kraft und Ausdauer, aber die Beherrschung unseres Schiffes verlangt auch extrem viel präzises Bootshandling.

 

Ihr nehmt an den Internationalen Deutschen Meisterschaften (IDM) im Seesegeln an der Kieler Woche teil. Was kann man da von euch erwarten? Was ist euer Ziel?

Realistisch zu bleiben. Das Schiff, der Flow in den Manövern und die tolle Crewkonstellation – das alles sind schon aktuelle Ziele, die wir erreicht haben. Wir segeln nicht One-Design d.h. du kannst nicht 1:1 mit den Schiffen um dich herum auf der Bahn vergleichen. In der ORC-Klasse hat jedes Schiff einen individuellen Messbrief. Bei der Auswertung eines Rennens wird dann die gesegelte Zeit über spezifische Faktoren und Formeln in die berechnete Zeit umgewandelt, um überhaupt eine Vergleichbarkeit von Schiffen mit völlig unterschiedlichen Vermessungen möglich machen zu können.  Wir sind beispielsweise eines der schnellsten Schiffe in ORC 3 und müssen nicht nur das Feld anführen sondern auch die Zeit raussegeln, die wir anderen Schiffen vergüten müssen, die nach uns ins Ziel kommen, um dann gewertet vor denen zu sein. Es ist schon spannend zu sehen, auf welchem Platz wir dann nach der Berechnung landen. Bei der KiWo werden wir einfach das Beste rausholen und top vorbereitet an den Start gehen!

 

Lieben Dank für das nette Gespräch. Wir drücken fest die Daumen für Eure Regatta-Premiere!

Gaastrablog-Hotquito-Sailing-Team-2016-1

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